Mühsam ernährt sich der Spatz

Ursprünglich war geplant, diesen Blogartikel als eBook zu veröffentlichen. Da er nun aber schon einmal geschrieben ist und mein Wissenstand sich stetig ändert, werde ich das Thema Selbstständigkeit in einem inhaltlich dynamischen Blogartikel auf der Webseite bestehen lassen.

Fragen, Hinweise, Kommentare können am Ende des Artikels verfasst werden.

Achtung, ein kleines Hinweis in eigener Sache: ich übernehme keinerlei Gewähr auf rechtliche Sicherheit, ich teile hier lediglich meine Erfahrungen.

 

Stand: März 2019


"Ich hab schon immer gern gebastelt. Und beim Ausmalen war ich immer eine der Besten"

Wie ich feststellen muss, bringen mich solche Kernaussagen aus meinem Vorschulklassenzeugnis nicht weiter im Leben. Als ich beim Chef sitze und mit ihm über die Beweggründe meiner Kündigung spreche, schaut er mich mitleidig an. Sein Blick sagt mir: "Nettes Mädchen. Schade, dass sie zurückgeblieben ist."

 

In diesem Moment wird mir klar: das waren gut investierte 25 € beim Gewerbeamt. Doch der Struggle ist real: "Basteln und Malen" so zu präsentieren, dass es sich nach einem fetten Business anhört klingt leichter, als es ist. Den Gewerbeschein hatte ich bereits im Mai 2015 beantragt, das gewerbliche Verkaufen von meinen Illustrationen begann ca. 2016 über Dawanda (hahaha ja Dawanda, da wo die ganzen Hausfrauen auch verkaufen, ja? Lol du hast es erfasst du Kek).

 

Faktencheck:

  • Gewerbe anmelden: ca. 25 € einmalig - gültig, bis das Gewerbe aufgelöst wird
  • damit einhergehend die Pflicht, Einkommenssteuererklärung abzugeben

Der Fiskus

Natürlich mag der Staat auch etwas davon haben, wenn du viel Geld verdienst,

Das Schöne ist jedoch, dass man dich innerhalb der ersten Zeit bzw. solange in Ruhe lässt, bis zu gewisse Schwellen überschreitest.

 

Die erste Schwelle wird wahrscheinlich die Einkommensteuer sein - wenn du dich nicht gerade so wie ich auf einem minimalen Lebensstandard eingependelt hast.

 

Faktencheck:

  • bis 17.500 € Jahresumsatz (Umsatz!) = Kleingewerbe und somit umsatzsteuerfrei
  • bis 9.000 € Einkommen (abzüglich Betriebsausgaben und Vorsorgeleistungen) einkommensteuerfrei
  • bis 24.500 € Jahresumsatz gewerbesteuerfrei

Vertrieb - Online

Je nachdem, welche Art von Dienstleistungen oder Produkten man verkaufen möchte, ist ein eigener Online-Shop oder Drittanbieter sinnvoll. Je weiter man seine Fühler ausstreckt, desto breiter logischerweise die Verkaufschancen.

 

Um den Überblick nicht zu verlieren, lasse ich alle einzelnen Shops und Plattformen auf meiner Webseite zusammenlaufen, so spare ich mir doppelte und dreifache Buchführung und die Besucher und Kunden meiner Seite haben immer einen Ausgangspunkt.

 

Faktencheck

  • Jimdo-Pro-Paket für 108 € im Jahr inkl. Domain und eigenem Shop-System
  • Etsy-Shop (liegt mit allen Abzügen bei ca. 10% Gebühren)
  • Instagram als Werbe- und Kommunikationsplattform

Vertrieb - Offline

Einige Artikel aus meinem Portfolio können auf Vorrat produziert werden und diese verkaufe ich aktuell in einem Miet-Ein-Fach-Laden. Viele dieser Artikel entstammen meinem Hobby - dem Stricken und Häkeln - bringen aber zusätzlich nochmal den ein oder anderen Euro aufs Konto.

 

Grundsätzlich lohnt sich ein Blick in lokale Geschäfte: vielleicht sind Kooperationen möglich? Gibt es Boutiquen, deren Sortiment du erweitern kannst? Ist dein Wohnort so geil, dass du Merchandise verticken kannst?

 

Faktencheck:

  • Provision meist 15-30% - je nach Wahl des Konzeptes
  • Präsentation in einem Geschäft ohne eigenes Risiko
  • Aufbau eines Netzwerks

Excel.

Es ist ja nicht so, dass ich wie einige Kloppis bei "Goodbye Deutschland" naiv und mit gefühlt 500 € in der Tasche in die U-S-and-A fliege - mit der großen Erwartung, dass mir dort jobtechnisch die Tür eingerannt wird und mir die Firma meiner Träume ein Haus und ein Auto stellt, ohne, dass ich wirklich dafür arbeiten muss. Ein wenig Erspartes darf es schon sein. Und das verwaltet man am Besten, damit man nicht nach 1 Jahr wieder in der Festanstellung hockt.

 

Ohne Excel - Ohne mich!

Oder wie in meinem Fall: OpenOffice Calc - zu finden kostenlos im Internet.

Die Tabellen begleiten mich länger und intensiver als so manch ein Weggefährte. Sie machen mir Angst, sie bereiten mir Freude und sie sorgen dafür, dass ich mich manchmal sehr ärgere. Aber alles in Allem helfen sie mir, langfristig nie den Überblick zu verlieren.

 

Diese Tabellen sollten behandelt werden wie das Vorratslager eines Hamsters: je mehr Informationen dort hinterlegt sind, desto besser läuft die Planung - wer an dieser Stelle anfängt, sich Ausgaben und Fakten schön zu rechnen, hat schon verloren. Wie lange komme ich mit dem Ersparten hin? Was muss ich verdienen, um plus-minus Null über die Runden zu kommen? Wohin verschwindet mein ganzes Geld? Wo ist Optimierungspotential? Was muss ich pro Tag verdienen, um mich und meinen Lebensstil (Koks und Nutten) halten zu können und wer benutzt eigentlich ständig meine Kreditkarte?

 

Hier also das Gerüst meiner Buchhaltung:

 

Tabelle 1 - Betriebsausgaben

In dieser Tabelle finden sich 13 Registerkarten - die Jahresbilanz und die Monate 1-12. Für jeden Monat dokumentiere ich die Betriebsausgaben Gebühren (Etsy, Paypal, Webseite, etc.), Versand (Briefmarken, Pakete und Päckchen) und Materialkosten (Zeichenmaterial, Zubehör, etc.). Enthalten sind dort immer das Datum der Ausgabe, die Firma, eine Referenz (Bon-Nummer, Rechnungsnummer) und eine Beschreibung der Ausgabe inkl. der Gesamtsumme der Rechnung. Unter der Tabelle fasse ich alle Ausgaben nach Kategorie zusammen und kann prozentual anzeigen lassen, wofür ich am Meisten ausgebe.

Diese Info übertrage ich dann zusammenfassend für das gesamte Jahr in die erste Registerkarte.

 

Tabelle 2- Haushaltsausgaben

Diese Tabelle führe ich im Grund ähnlich wie die Betriebsausgaben, jedoch führe ich die Ausgaben dort nicht chronologisch auf, sondern nach Kategorien. Diese Kategorien sind in erster Linie:

  • Versicherungen (Krankenversicherung, Haftpflicht, etc.)
  • Wohnen (Miete, Strom, etc.)
  • Kommunikation (Internet, Smartphone, GEZ, etc.)
  • Lebensmittel
  • Bekleidung
  • Körperpflege (Kosmetik, Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel, etc.)
  • Bekleidung
  • Freizeit

Tabelle 3 - Rechnungen

Das Kernstück der Buchhaltung.

Der Aufbau erfolgt ähnlich den anderen beiden Tabellen, jedoch stecken in den einzelnen Monaten mehr Informationen:

  • Datum der Rechnung
  • Rechnungsnummer (meine sind nach folgendem Prinzip aufgebaut: 201903015, wobei die letzten beiden Ziffern eine laufende Nummer darstellen, Ziffer 1-4 das Jahr und Ziffer 5+6 den Monat. Ja, man kann daraus herleiten, wieviele Rechnungen ich in Monat geschrieben habe, aber warum sollte das schlimm sein?)
  • Auftraggeber (ggfs. Firma, Vor- und Zuname), Artikelbeschreibung, Auftragskategorie (Etsy, Webseite, Auftragsarbeit, Barverkauf, etc.), ggfs. Auftragsnummer, Rechnungssumme, Versanddienstleister und Versandkosten

Mit diesen Punkten habt ihr eine gute Übersicht, welche Verkaufsart welchen Umsatz generiert und wo eure Stärken liegen.

 

Tabelle 4 - Finanzplan

Hier laufen alle Informationen aus den anderen drei Tabellen zusammen.

Die Tabelle besteht aus einem einzelnen Reiter, der alle Monate einmal zusammenfasst:

  • Einkommen aus Selbstständigkeit
  • Betriebsausgaben
  • Haushaltsausgaben
  • Berechnung der Ausgaben pro Tag als SOLL und HABEN
  • Sparguthaben bzw. die "hohe Kante"

Diese Tabelle zeigt dir, wie gut du aufgestellt bist und wie es die kommenden Monate um dich steht. Eigentlich kannst du dort schon bis zum Jahresende kalkulieren, ob "dein Ding" was ist oder nicht.


Versicherungen

"Du sag' mal - nur mal so angenommen: was wäre, wenn deine Hände beide verletzt wären? Das wär' ganz schön scheiße, oder?"

"Ja, das wäre ganz schön scheiße."

 

Krankenversicherung

Plötzlich kommt mir mein an meinem Einkommen gemessener Versicherungsbeitrag zur Krankenversicherung ziemlich notwendig vor. Jeden Monat fliegen knapp 195 € (Mindestbeitrag) ins gefühlte Nichts und ich sitze da - kerngesund, aber regelmäßig echt wütend darüber, dass mich das so viel Geld kostet. Ich rechne, wieviel ich dafür in meinem Shop verkaufen muss und was ich dafür wiederum an Gebühren zahle und ärgere mich dann wieder, dass ich Gebühren zahle und gleichzeitig kaum Zeit finde, einen Online-Shop gebührenfrei auf meiner Website zu erstellen.

Mittlerweile reagieren die Krankenkassen flexibler auf Existenzgründerinnen, die mit ihrem Gewerbe keine Unsummen an Geld umsetzen (wollen). Die Staffelung beginnt bei Einnahmen von 0 € bis 1.038 € pro Monat und je nachdem, ob man Kinder hat, kommen 180-195 € monatliche Kosten auf dich zu. Die nächste Staffel sieht einen Betrag von ca. 350 € im Monat vor, auf Antrag kann dieser Betrag dann jedoch auf knapp 280 € gesenkt werden. Dazu reicht das Einreichen des letzten Einkommensteuerbescheids als Nachweis, dass man ein geringes Einkommen hat.

 

Faktencheck:

  • freiwillige Krankenversicherung je nach Anbieter knapp 190-200 € im Monat
  • Versicherungsschutz entspricht den gesetzlichen Leistungen
  • Risiko: je nach ausgeführter Tätigkeit kann einem eine längere Ausfallzeit schon den wirtschaftlichen Kopf kosten (kein Einkommen)
  • Berufsunfähigkeitsversicherung kein Muss, aber durchaus sinnvoll
  • ggfs. Betriebshaftpflicht bzw. bei Nebentätigkeit diese in der privaten Haftpflicht mit aufnehmen lassen

DISCLAIMER!

Es kann durchaus sein, dass ich hier ziemlich viel Mist baue und mich auf sehr dünnem Eis bewege - ich bin weder Steuerfachfrau noch Versicherungsmaklerin. Hinweise und Tipps also gerne ab in die Kommentare.


Blogeinträge wie diesen hier erstelle ich sehr gerne - ich hoffe, dass ich damit die Informationen vermitteln kann, die ich vor wenigen Jahren und bis vor Kurzem nur schlecht gefunden habe.

Worüber ich mich immer freue ist ein frisches Mehrkornbrötchen vom Bäcker mit Butter und ein Milchkaffee dazu. Wenn du magst, kannst du auf eines der beiden Buttons klicken und meinem Paypalkonto ein paar Cents spendieren. In der Kathedrale meines Herzens wird auf ewig eine Kerze für dich brennen.



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Kommentare: 2
  • #1

    Svenja (Samstag, 16 März 2019 09:00)

    Der Artikel ist super interessant und hilfreich. Außerdem liebe ich deinen Schreibstil. Vielen Dank auch für die Erklärungen über deine Excel-Tabellen. :)

  • #2

    Steffi (Samstag, 16 März 2019 11:21)

    Ich finde deinen Artikel sehr informativ und aufschlussreich und ich kann mich Svenja nur anschließen auch ich finde deinen Schreibstil einfach klasse.